Wilde Flaschenkinder - Meine Handaufzucht von Feldhasen und Wildkaninchen

Autorin: Birte Heckel-Neubert

Feldhase und Wildkaninchen als Jungtiere
Die Feldhasen werden voll ausgebildet und oberirdisch in einer sogenannten Sasse, also einer Erdmulde, geboren. Die Augen sind geöffnet, die Pupille ist schwarz, die Iris ist als hellbrauner Rand zu erkennen. Das Fell ist bräunlich, wuschelig und lang, sie haben eine breite behaarte Nase. Die Ohren haben am hinteren Rand eine schwarze Färbung. Das Geburtsgewicht liegt zwischen 80 bis 150 Gramm. Sie werden ein bis zweimal, meistens nachts, gesäugt.

Junger Feldhase, 1 Tag alt. Gewicht: 103 Gramm.

Feldhasen werden bereits Ende Januar geboren und sind für kalte Temperaturen gut ausgestattet mit einem dichten Fell. Nur Nässe vertragen sie nicht gut. Sie kühlen dann zu schnell aus und die nährstoffreiche Muttermilch reicht nicht aus, ihre Körpertemperatur aufrecht zu erhalten. Junghasen werden bis in den Oktober hinein geboren.

Wildkaninchen werden nackt, blind und taub unterirdisch in einer Setzröhre geboren. Die Kaninchenmutter kommt nur einmal am Tag und füttert ihre Jungen nur wenige Minuten lang. Innerhalb der ersten Woche wächst das Fell, sie können dann hören und nach 12 Tagen öffnen sich die Augen. Sie haben schwarze Knopfaugen, die Iris ist bei Sonnenschein als dunkelbrauner Rand zu sehen. Das Fell ist grau-bräunlich und kurz. Das Geburtsgewicht liegt bei ca. 40 Gramm.

Wildkaninchen werden von März bis September geboren. In einer Setzröhre, die mit den Unterbauchhaaren der Mutter und einem Gras-Heu-Gemisch gefüllt ist, können sie gut gewärmt die ersten drei Lebenswochen unter der Erde heranwachsen.

Frisch geborene Wildkaninchen. Gewicht: ca. 40 Gramm.
Wildkaninchen, 8 Tage alt. Die Augen sind noch geschlossen. Gewicht: ca. 90 Gramm.
Wildkaninchen, vier Wochen alt. Gewicht: ca. 200 Gramm.

Die mutterlose Handaufzucht
Die Milch aller Wildtierarten ist laktosearm. Deshalb ist die Aufzucht mit laktosereicher Kuhmilch nicht geeignet. Verdauungsstörungen sind die Folge, die oft tödlich enden. Im Handel gibt es einige Milchaustauscher für Katzen- oder Hundewelpen, die für die Handaufzucht von Feldhasen und Wildkaninchen geeignet sind. Der Erfolg einer Aufzucht hängt unter anderem auch davon ab, ob das Jungtier die lebensnotwendigen Abwehrstoffe aus dem Kolostrum der Muttermilch erhalten hat.

Ich verwende bei frisch geborenen Hasen und Kaninchen Ziegenkolostrum, das ich von einem benachbarten Ziegenhof, frisch abgefüllt in kleinen Portionen, bekomme und einfriere. Alternativ kann man Kolostrum flüssig oder als Pulver kaufen.

Feldhasen benötigen meistens keine zusätzliche Wärme, die nackten Kaninchen schon. Ich verwende eine Kükenwärmeplatte mit einstellbarer Temperatur. Die Kaninchen liegen in einer Kiste in einem leicht angefeuchteten Tuch bei ca. 35 bis 37 °C. Sobald ihnen das Fell gewachsen ist, drehe ich die Temperatur allmählich auf Zimmertemperatur herunter.

Die Muttermilch von Hasen und Kaninchen ist mit 20 bis 23 % Fett sehr nahrhaft, der Eiweißgehalt liegt bei ca. 10 bis 12 %, je nach Jahreszeit und Nahrungsangebot. Das sollte man bei der Zusammensetzung des Milchaustauschers bedenken, um die richtige Mischung anzusetzen. Ein Teil Milchpulver setzte ich mit drei Teilen Fenchel-Anis-Kümmeltee und einigen Kräuterzusätzen an. Um Verdauungsstörungen vorzubeugen, bleibe ich mit dem Eiweißgehalt etwas niedriger, erreiche aber durch Zugabe von Ölen einen Fettgehalt von ca. 20 %. Hasen sind Feinschmecker und benötigen die Kräutervielfalt. Im Hasenmagen wurden bis zu 70 verschiedene Kräuter nachgewiesen (Zörner 1996).

Ein großer Anteil des Fettes in der Muttermilch (etwa 66 %) stammt von Fettsäuren der Nahrung und nicht von einer de-novo Synthese (DEMARNE et al. 1978). RodiCare akut® ist eine ölige Kräutermischung, die ich als Bereicherung dem Milchansatz zugebe. Die Kräutermischung wirkt beruhigend auf das Verdauungssystem und verbessert die Umstellung auf den Milchaustauscher. Von großer Bedeutung ist die Calciumphosphat-Konzentration der Ersatzmilch. Besonders bei Junghasen kommt es durch Mangel an Calcium zu Knochenbrüchen in den ersten Lebenswochen. Ich reichere deshalb vorsorglich die Milch mit Mineralien an. Solange noch kein vitaminreicher Blinddarmkot gefressen werden kann, setzte ich der Milch RodiCare® Vita B zu und gebe ein Probiotikum. Die angerührte Milch sollte Körpertemperatur haben. Das Füttern, anfangs mit einer Spritze, erfordert Geduld. Die Kleinen müssen sich erst daran gewöhnen. Sobald ein Saugreflex einsetzt, füttere ich mit einer kleinen Flasche.

Als grobe Richtlinie für die Milchmenge gilt:
5 % des Gesamtgewichtes fasst der Mageninhalt, 20 % sollte als Tagesration erreicht werden (Florian Brandes, Findeltiere).
Beispiel: Ein 100 Gramm schweres Jungtier sollte 20 ml Milch pro Tag trinken. 5 ml ist eine Portion, die 4 x am Tag gefüttert wird. Hasen dürfen auch mehr trinken, bei Kaninchen sollte man diese Trinkmengen einhalten. Sie könnten sonst überfüttert werden und das führt zu Verdauungsproblemen.

Ich versuche, die Jungtiere so artgerecht wie möglich aufzuziehen. Hasen bleiben bei mir von Anfang an draußen. Sie bekommen frisches Heu, Wasser und Maulwurferde. In den Gehegen habe ich eine Wildackermischung „Die Hasenapotheke“ eingesät. Kleine Wildkaninchen leben die ersten drei Wochen unter der Erde, sie bekommen bei mir deshalb auch erst nach drei Wochen Frischfutter angeboten wie z. B. geraspelte Möhren, Petersilie und Löwenzahn. Heu und kernige Haferflocken fressen sie bereits, wenn sie 10 bis 12 Tage alt sind.

Je nachdem wie schnell ein Feldhase wieder scheu wird, entlasse ich ihn nach 7 bis 10 Wochen in die Freiheit. Er hat dann ein Gewicht von 800 bis 1500 Gramm. Wildkaninchen bleiben 10 bis 12 Wochen im Gehege. Sie sind dann groß und schnell genug, um vor ihren Fressfeinden fliehen zu können.

Zu meiner Person:
Geboren 1963, aufgewachsen auf einem Bauernhof, gelernte Arzthelferin und medizinisch-technische Laboratoriumsassistentin, seit 2009 ehrenamtlich im Wildtierheim Preetz für die Aufzucht mutterloser Feldhasen und Wildkaninchen zuständig. Pro Jahr kommen um die 100 Jungtiere in meine Obhut. Meine Erfahrung habe ich in meinem Buch „Wilde Flaschenkinder“ aufgeschrieben. Es kann für jeden eine Hilfe sein, der sich mit der Aufzucht vertraut machen möchte. Es ist erschienen im BoD-Verlag, ISBN 9783749469444 und ist im BoD Buchshop versandkostenfrei für 13 Euro zu bestellen.

Birte Heckel-Neubert

 

 

 

 

Tags: RodiCare

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.